
Die laufende Gegenoffensive zeigt die Schwächen der ukrainischen Armee. Wie gravierend diese wirklich sein könnten, deckt nun der Bericht einer Expertengruppe auf.Die ukrainische Gegenoffensive ist jetzt seit mehr als einem Monat in Gang. Bislang sind die Erfolge bescheiden, zumindest, wenn man die Offensivbemühungen nach Gebietsgewinnen bemisst. So konnten die Soldaten Kiews in den Wochen seit dem 4. Juni rund 253 Quadratkilometer ukrainischen Bodens zurückerobern. Das ist zwar in etwa so viel, wie die Armee Wladimir Putins in den vergangenen sechs Monaten im Nachbarland einnehmen konnte. Was nach viel klingt, erscheint aber im Vergleich zu den schnellen Rückeroberungen, die der Ukraine bei ihrer Überraschungsoffensive im September 2022 gelangen (rund 3.000 Quadratkilometer in nur sechs Tagen), dennoch enttäuschend.Zumal sie einen hohen Blutzoll fordern. Jeden Tag sterben bei den Versuchen der Ukraine, die russischen Verteidigungslinien zu durchbrechen, etliche Soldaten.Manche westliche Militärexperten sprechen schon von einem Scheitern der Offensive. Auch die Ukraine selbst hat mehrfach zu verstehen gegeben, dass der Kampf gegen die russischen Besatzer zäh und schleppend verläuft. Ist die Kampagne deshalb ein Fehlschlag? Nein, sagt Mark Milley. Der Generalstabschef der US-Streitkräfte betonte am Dienstag im Pentagon, dass die ukrainische Gegenoffensive alles andere als ein Misserfolg sei.”Ich denke, es gibt noch viel zu kämpfen, und ich bleibe bei dem, was wir zuvor gesagt haben: Es wird lang, es wird hart, es wird blutig”, sagte Milley. Als größtes Hindernis bei den Durchbruchsversuchen der Ukrainer nannte Milley die schwer befestigten Verteidigungslinien der Russen in den besetzten Gebieten. “Die Verluste, die die Ukrainer bei dieser Offensive erleiden, gehen nicht so sehr auf die Stärke der russischen Luftwaffe zurück, sondern auf Minenfelder”, sagte er.Das Problem der Minenfelder ist inzwischen von Militärexperten hinreichend beschrieben worden. So hatte Russland in den ersten Monaten des Jahres viel Zeit, die Wehranlagen in den besetzten Gebieten auszubauen. An vielen Abschnitten der rund 1.000 Kilometer langen Front treffen die ukrainischen Truppen nun auf dreireihige Festungsbauten aus Panzerabwehrgräben, Schützengräben und Betonanlagen. Diesen vorgelagert sind oft weitläufige Minenfelder. Schon dort kommen viele ukrainische Angriffe zum Erliegen.
Ukrainisches Oberkommando steht unter enormem Druck
Die russischen Truppen haben im Gelände Dutzende unterschiedliche Minentypen verteilt. Selbst für Minenräumexperten sind diese schwer zu erkennen und zu beseitigen. Das verzögert das ukrainische Vorrücken erheblich. Der Erfolg wird teilweise nur in Metern, nicht mehr in Kilometern gemessen.Inzwischen hat die Armeespitze in Kiew ihre Taktik umgestellt: Statt die russischen Stellungen mit mechanisierten Verbänden mit Panzern – ohne entsprechenden Feuerschutz durch Artillerie und Luftabwehr – zu attackieren und dabei herbe Verluste an Mensch und Material zu erleiden, arbeiten sich nun kleinere Infanteriestoßtrupps Schritt für Schritt, Baumreihe für Baumreihe durch die Minenfelder vor. Genau das hatte US-General Milley prophezeit: eine lange, blutige Schlacht.Und diese Schlacht droht noch blutiger zu werden, denn Kiew muss früher oder später Erfolge vorweisen, auch deswegen, weil der Westen Fortschritte im Befreiungskampf der Ukrainer erwartet, allen bedingungslosen Solidaritätsbekundungen zum Trotz. Zudem wäre ein jahrelanger Abnutzungskrieg weder der ukrainischen Bevölkerung selbst zuzumuten, noch gegenüber den Waffen liefernden Partnern im Westen vermittelbar. Das ukrainische Oberkommando steht also unter immensem Druck.US-Verteidigungsminister Lloyd Austin versicherte nun zwar erneut, dass die Verbündeten der Ukraine in ihrer Unterstützung nicht nachlassen würden: “Unsere Arbeit geht weiter, und wir werden alles tun, was wir können, um sicherzustellen, dass die Ukrainer erfolgreich sein können.” Aber alles, was kein Erfolg ist, droht zum Problem zu werden. Denn Russlands Herrscher Wladimir Putin spielt auf Zeit. Er setzt genau darauf: auf die Abnutzung der ukrainischen Offensivkräfte und die nachlassende Geduld des Westens.