
Dies stellt sich in dem Bericht als grundlegendes Problem heraus: “Die russischen Streitkräfte haben regelmäßig große Schwierigkeiten, kleine und relativ unbedeutende Geländestücke über Wochen oder Monate hinweg zu erobern.” Dabei schwächten sich die Einheiten kontinuierlich selbst – und es sei unwahrscheinlich, dass die Armee die Einnahme von Nowoluhanske wirksam nutze, um Bachmut für sich zu gewinnen. Bei der gegnerischen Seite stellt Experte Richter hingegen fest: “Die Ukrainer beißen sich in den Städten fest.” Der Stadtkampf werde mit sehr viel Feuerkraft geführt, die Städte würden regelrecht zerschossen. Nach dem Verlust des Bezirks Luhansk versuche die Ukraine, solange es geht, den Oblast Donezk zu halten; aber sie werde sich nach zähem Widerstand doch schrittweise zurückziehen. “Mit dieser Verzögerungstaktik will sie Zeit gewinnen und die Verluste auf russischer Seite erhöhen”, so Richter.Wolfgang Richter ist Wissenschaftler für Sicherheitspolitik bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) des Deutschen Instituts für Internationale Politik und Sicherheit. In seiner Forschung beschäftigt er sich unter anderem mit dem Verhältnis der Nato zu Russland sowie ungelösten Territorialkonflikten in Europa. Außerdem forscht er zu den Auswirkungen neuer Militärtechnologien auf Strategie, Kriegsvölkerrecht und humanitäre Rüstungskontrolle.
“Wendepunkt auf dem Schlachtfeld”
Zugleich bereitet die ukrainische Armee im Westen des Landes einen Gegenangriff vor, etwa auf die von Russland eroberte Region Cherson. Präsident Putin strebt dort ein Referendum an – die Ukraine will das verhindern. “Wir können sagen, dass ein Wendepunkt auf dem Schlachtfeld erreicht wurde”, sagte Serhij Chlan von der Kiew-treuen Militärverwaltung Chersons am Sonntag in einem Fernsehinterview. Man sehe, dass die Streitkräfte offen vorrückten. Die ukrainischen Truppen würden von der Defensive in die Gegenoffensive wechseln. Cherson werde “definitiv bis September befreit” sein, so Chlan. Unabhängig prüfen lassen sich die Angaben nicht, aber auch Experte Richter prognostiziert den Gegenangriff. “Es ist dann durchaus denkbar, dass sich das Blatt wendet: Die Russen verschanzen sich in Städten wie Cherson und die Ukrainer beschießen sie”, sagt Richter.
Kampf in der Tiefe
Der Experte stellt allerdings auch eine Parallele fest: Russland und die Ukraine verfolgten beim Kampf in der Tiefe die gleiche Taktik. Die russische Armee greife mit Langstreckensystemen Verbindungslinien und Waffendepots weit hinter den Frontlinien an, wie etwa die Hafenstadt Odessa im Süden des Landes. “Alles das, was nötig ist, um Reserven und Logistik an die Front zu bringen, wird Ziel von Attacken”, so Richter.Und auch die ukrainischen Truppen griffen Depots in der Tiefe, Eisenbahnlinien im Donbass und Brücken über den Dnjepr an, um zu verhindern, dass Russland seine weiter westlich stehenden Kräfte verstärken kann.
“Kein Grund zur Euphorie”
Derweil dämpft der Experte die Hoffnung, dass die am Montag gelieferten Gepard-Panzer aus Deutschland oder die Mehrfachraketen, die am Donnerstag die Ukraine erreichten, die Wende bringen. “Man sollte den Erfolg im Gefecht nicht an einem Waffensystem festmachen, Wunderwaffen gibt es nicht.” Letztlich komme es darauf an, wie gut die ukrainische Armee die Waffen im Verbund einsetze.