
In den vergangenen Wochen äußerte der 57-Jährige auf seinem Telegram-Kanal immer radikalere Drohungen gegen die Ukraine und den Westen. Nach Ansicht von Timothy Snyder bereitet sich Medwedew mit dieser “Weltuntergangspropaganda” auf die Zeit nach Putin vor.Dmitri Medwedjew: Bereitet sich der frühere russische Präsident auf eine Zeit nach Putin vor? (Quelle: Ramil Sitdikov/imago-images-bilder)”Auf den ersten Blick wirkt diese Rhetorik wie Loyalität zu Putin”, analysiert Snyder. “Denn solange Russland verliert, besteht die größte Hoffnung des Kreml darin, den Westen von der Unbesiegbarkeit Russlands zu überzeugen.” Wer sich jetzt besonders radikal äußere, müsse sich nach einer Niederlage nicht vorwerfen lassen, zu früh aufgegeben zu haben.”Ich glaube nicht, dass Medwedew selbst an seine Hetzreden gegen Juden, Polen und den Westen glaubt”, schreibt Timothy Snyder. “Er erzeugt ein Profil von sich, das ihm später noch nutzen könnte, so wie ihm früher sein Image als Beamter half.” Medwedews drastische Äußerungen seien ein Hinweis darauf, “dass wichtige Russen glauben, dass Russland den Krieg verliert”.
Plant Kadyrow schon die Unabhängigkeit Tschetscheniens?
Solche Hinweise erkennt Snyder auch im Verhalten von Tschetschenenführer Ramsan Kadyrow. Dessen Kämpfer, die nach ihm benannten Kadyrowiten, hätten es geschafft, ihre Verluste in der Ukraine gering zu halten. “Aus Kadyrows Sicht ist das nur sinnvoll: So stehen sie ihm für einen späteren Machtkampf zur Verfügung.”Das sei auch das Kalkül hinter Kadyrows jüngster Forderung nach Luftabwehrsystemen für Tschetschenien. “Als Grund nennt Kadyrow einen möglichen ukrainischen Angriff auf sein Territorium, aber das ist unglaubwürdig. Es klingt eher wie Vorbereitung auf die Zeit nach Putin, in der sich Tschetschenien für unabhängig erklären könnte.”Die größte Gefahr für Putins Macht sieht Snyder in der Schwäche des Militärs. “Die Armee ist eine wichtige Stütze für Putin, der Mythos ihrer Unbesiegbarkeit ein wichtiger Teil seiner Propaganda.” In der Ukraine würde die Armee aber so hohe Verluste an Menschen und Material erleiden, dass sie ihre anderen Aufgaben nicht mehr erfüllen könne und als Institution bedroht sei, so Snyder: “Putin kann eine schwache Armee überleben, aber irgendwann wirkt eine schwache Armee auch nicht mehr stark.” Eine Armee, die im Iran Kampfdrohnen besorgen müsse, sei keine Armee von Weltklasse.
Snyder: Putin hat sich in eine Falle manövriert
Aus der Schwäche des Militärs erwächst nach Ansicht von Snyder auch Putins nächstes Problem: “Der russische Staat kann die Menschen zwar emotional für den Krieg mobilisieren, aber nicht körperlich.” So schrecke Putin vor einer Generalmobilmachung zurück aus Sorge, dass der Schritt seine Beliebtheit im Volk untergraben und sein Regime zu Fall bringen könnte.