
Die Krawalle nach dem Tod eines 17-Jährigen in Frankreich ebben nicht ab. Sie greifen auch nach Übersee über, wo es einen Toten gab.Nach dem Tod eines 17-Jährigen durch eine Polizeikugel ist es in Frankreich in der vierten Nacht in Folge zu Ausschreitungen gekommen. Allerdings hatte die Gewalt nach Angaben von Innenminister Gérald Darmanin eine “deutlich geringere Intensität” als in den Vornächten. Nach seiner Zwischenbilanz von etwa 2.30 Uhr MESZ wurden bis dahin 471 Menschen festgenommen, in der Nacht davor waren es insgesamt fast 900 gewesen.Die französischen Behörden hatten ihre Maßnahmen am Freitag nochmals verschärft, um die Lage wieder in den Griff zu bekommen. 45.000 Polizisten und Gendarmen wurden mobilisiert, das waren etwa 5.000 mehr als in der Vornacht. Zudem wurde als neue Maßnahme ab 21 Uhr landesweit der Verkehr von Bussen und Straßenbahnen eingestellt. Auch wurden mehrere Großveranstaltungen abgesagt.Der Verkauf von Feuerwerkskörpern, Benzinkanistern sowie entzündlichen und chemischen Produkten sollte systematisch unterbunden werden. Mindestens drei Gemeinden in der Nähe von Paris sowie mehrere andere Orte verhängten nächtliche Ausgangssperren.
Heftige Ausschreitungen in Grenoble, Lyon und Marseille
Dennoch kam es am Abend und in der Nacht wieder in mehreren Städten zu Ausschreitungen. In Grenoble, Lyon und Marseille plünderten herumziehende Gruppen Geschäfte. Demonstranten setzten auch erneut Autos und Mülltonnen in Brand. In Straßburg griffen Randalierer bereits vor Einbruch der Dunkelheit einen Apple Store und andere Geschäfte an.Darmain teilte mit, die Gewalt sei insgesamt trotzdem von “weitaus geringerer Intensität” gewesen. Er sagte: “Die Republik wird gewinnen, nicht die Randalierer.” Er sei nicht der Ansicht, dass der Ausnahmezustand verhängt werden müsse.Zu den heftigsten Ausschreitungen der Nacht kam es nach Angaben der Behörden in Marseille. Dort gab es laut Polizei-Angaben bis etwa 2 Uhr 88 Festnahmen. In einem Supermarkt sei ein größeres Feuer ausgebrochen, der Brand stehe “mit den Ausschreitungen in Verbindung”, hieß es aus Polizeikreisen.Im Zentrum von Marseille schleuderten junge und oft maskierte Demonstranten Objekte auf Polizeitransporter, wie Reporter der Nachrichtenagentur AFP beobachteten. Die Polizei reagierte mit dem Einsatz von Tränengas. Drei Polizisten wurden nach Behörden-Angaben leicht verletzt. Ob es unter den Demonstranten Verletzte gab, war zunächst unklar.
Gegen Polizisten wird wegen Totschlags ermittelt
Auslöser der Unruhen war der Tod eines 17-Jährigen bei einer Polizeikontrolle am Dienstag. Eine Motorradstreife in Nanterre bei Paris hatte den 17-jährigen Nahel am Morgen am Steuer eines Autos gestoppt. Als der junge Mann plötzlich anfuhr, fiel ein tödlicher Schuss aus der Dienstwaffe des Polizisten.Der Vorfall löste landesweit Bestürzung aus, Frankreich wird seitdem von heftigen Unruhen erschüttert. Der Polizist, der für Nahels Tod verantwortlich gemacht wird, kam in Untersuchungshaft. Gegen ihn wurde ein förmliches Ermittlungsverfahren wegen Totschlags eingeleitet. Hier lesen Sie mehr dazu.
Hilferuf aus Marseille
Der Bürgermeister von Marseille, Benoît Payan, forderte derweil die französische Regierung auf, unverzüglich weitere Ordnungskräfte nach Marseille zu schicken. “Die Szenen von Plünderungen und Gewalt sind inakzeptabel”, schrieb er in einem Tweet am späten Freitagabend. “Heute Abend habe ich zum Schutz der Bürger beschlossen, die Stärke der städtischen Polizeikräfte im Überwachungszentrum zu verdreifachen.” Bilder in den sozialen Medien zeigten eine Explosion im alten Hafen von Marseille. Nach Auskunft der Behörden ist die Ursache noch ungeklärt. Es habe keine Verletzten gegeben.Deutschland, Großbritannien und die USA riefen Bürger mit Reiseplänen in Frankreich wegen der Unruhen zur Vorsicht auf und aktualisierten ihre Sicherheitshinweise.