“So schlimm war es noch nie”


Sabine Werth: Es gibt einen Unterschied: Ein Seismograf zeichnet eine Erschütterung unmittelbar auf. Das ist bei uns etwas anders. Die Menschen kommen nicht gleich zu Beginn, wenn sich ihre Situation verschlechtert, zu einer Ausgabestelle.Es ist oft ihr letzter Ausweg. Sie kommen, wenn ihre Situation bereits so schlimm ist, dass es nicht mehr anders geht. An der Stelle merken wir dann aber durchaus, wem es gerade schlecht geht – wer so nicht über die Runden kommt.Sabine Werth in ihrem Büro: 1993 hat sie die erste Tafel in Deutschland gegründet. (Quelle: t-online)Wen trifft es derzeit am härtesten?Ich kenne die Situation in Berlin am besten. Zu Beginn des Jahres hatten wir hier noch etwa 40.000 Menschen, die zu unseren insgesamt 47 Ausgabestellen gekommen sind und sich Lebensmittel abgeholt haben. Durch die Inflation und den Ukraine-Krieg sind es jetzt 76.000 Menschen pro Monat. Das heißt, die Zahl hat sich fast verdoppelt.Auch andernorts ist das so: Bundesweit vermeldet rund ein Drittel der Tafeln einen Anstieg der Kundinnen und Kunden um das Doppelte, die anderen zwei Drittel um bis zu 50 Prozent. Wann hat der Anstieg begonnen?Das war in den Wochen nach dem Beginn des Krieges in der Ukraine. Der Anstieg begann eigentlich mit den ukrainischen Flüchtlingen, die auch Lebensmittel von uns bekommen. Diese machen bei uns geschätzt rund die Hälfte des Zuwachses aus.Das sind Menschen, die neu zu uns kommen. Menschen aus der Mittelschicht. Die sagen: Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal zu einer Ausgabestelle kommen muss. Ich wollte nie hierher, aber jetzt geht es nicht mehr anders. Das ist ein neues Phänomen. Es trifft nun erstmals in der Breite Menschen aus der Mittelschicht.Das hat mit den steigenden Preisen zu tun.Also sind vor allem Menschen betroffen, die arbeiten, aber sich trotzdem die Lebensmittel nicht mehr leisten können?Aus meiner Erfahrung sind es oft Menschen, die im Moment keine Arbeit haben. Menschen in Jobs können oft gar nicht zu unseren Ausgabestellen kommen, da diese meist vormittags oder am frühen Mittag geöffnet sind.Diejenigen, die jetzt zu uns kommen, haben oftmals während der Pandemie ihre Jobs verloren oder mussten ihre Geschäfte aufgeben. Sie mussten damals nicht direkt zu den Tafeln kommen, weil sie beispielsweise etwas angespart hatten und auf ein Polster zurückgreifen konnten. Aber seitdem die Preise so massiv gestiegen sind, gerade auch für Lebensmittel, geht das nicht mehr.Für unsere Ausgabestellen ist es erst einmal egal, welche Menschen zu uns kommen, wo sie herkommen, was sie zuvor gemacht haben. Aber gesellschaftlich ist das natürlich ein Problem. Ich glaube, dass die Stimmung im Herbst brenzlig werden könnte. Das sind viele Menschen, die extrem frustriert sind und sich im Stich gelassen fühlen.