
Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,Wasser ist Leben. Das kann jeder bestätigen, der im Sommer mal ein bisschen zu lange vergessen hat, die Blumen auf dem Balkon zu gießen. Wir kennen die Fakten: Mehr als die Hälfte des menschlichen Körpers besteht aus dem kostbaren Nass. Wenn das weniger wird, geht es schnell los mit den Warnsignalen: erst das normale Durstgefühl, dann ein trockener Mund und ein immer quälenderes Verlangen nach Wasser. Schwindel und Verwirrung setzen ein, alle Kraft schwindet. Schließlich stellen die Nieren ihren Dienst ein, der Körper vergiftet sich selbst. Nach wenigen Tagen ist es vorbei. Ohne Essen können Menschen Wochen überleben, ohne Wasser nicht.Zum Glück gibt es auf unserem Planeten massenhaft Wasser. Allerdings befindet es sich nicht unbedingt am richtigen Ort. Die salzige Suppe in den Ozeanen jedenfalls kann man nicht trinken, sie muss erst filtriert werden, indem sie eine gewaltige Maschinerie der Verdampfung, Kondensation und Abscheidung durchläuft. Üblicherweise nennen wir das Ergebnis “Regen”. Das Problem ist nur: Auch der Niederschlag landet längst nicht mehr zu gewohnten Zeiten in konventionellen Mengen am üblichen Ort.Klimakrieg ist ein großes Wort, und wenn man es hört, mag man es für eine Übertreibung oder Angstmacherei halten. So oder so gehört es in eine Welt, die uns erst in der Zukunft droht. Auf diesen Gedanken kann man jedenfalls leicht verfallen – erst recht, wenn man sich von der Vorstellung leiten lässt, die der Begriff heraufbeschwört: Nationen, die bisher in Frieden miteinander lebten, ziehen im Krieg um den verbliebenen brauchbaren Lebensraum gegeneinander zu Felde. Ethnien, die mit dem Rücken zur Wand stehen, greifen schließlich zu den Waffen und gehen auf ihre Nachbarn los. Wäre es so, könnte man Klimakriege tatsächlich noch als Zukunftsmusik abtun. Aber sie sehen ein bisschen anders aus, als man erwartet – und der erste ist schon da.Der Klimakrieg, der bereits im Gang ist, wird um das lebensspendende, kostbare Nass geführt. Im Krisengebiet kann man sehen: Es sind nicht die Menschen, die verdursten, wenn es ernst wird. Es sind die Tiere. Das Wasser in den Wasserlöchern mag viel zu wenig sein, die Suche zu schwer, das immer tiefere Graben zu kraftraubend. Aber solange noch etwas da ist, überleben die Menschen – ihre Tiere jedoch nicht. Ausgemergelte, entkräftete Rinder, die der Stolz und der Wohlstand ihrer Besitzer sein sollten, sterben wie die Fliegen.In Kenia liegen vielerorts verendete Tiere. (Quelle: F. Harms)Die verheerende Dürre in Ostafrika hält bereits seit Jahren an. Ich habe Ihnen hier im Tagesanbruch davon berichtet. Nomadische Viehhirten treiben das, was von ihren Herden noch übrig ist, über immer weitere Strecken, um Wasser zu finden. Sie haben keine Wahl: Die Rinder einer Familie sind nicht nur landwirtschaftliche Nutztiere, sondern ihr lebendes Bankkonto. Und ihre Kranken-, Renten- und Lebensversicherungspolice. Je schlimmer die Dürre wird, desto weiter wandern die Hirten in eine andere Welt hinein: die der Bauern, der Sesshaften, wo schon immer mehr Wasser zu finden war als in den kargen Weidegebieten der Nomaden. Bauern und Hirten geraten aneinander. Die Waffen kommen heraus. Nicht die Speere, sondern die Kalaschnikows. So wie nun in Zentralkenia.Wann ging das los? Die Antwort ist erhellend: Es gibt keinen Startpunkt in jüngerer Zeit. Der Konflikt zwischen Nomaden und Sesshaften in der Region war irgendwie schon immer da. Bewaffnete Raubzüge der Nomaden sind keine Neuerung, die der Klimawandel hervorgebracht hat. Nicht unbedingt Tradition, aber ebenfalls nicht an die Witterung gebunden ist der Drang einiger Politiker, die Spannungen zwischen den sich misstrauisch beäugenden Volksgruppen weiter zu befeuern. So rücken sich Populisten auf Stimmenfang als Vorkämpfer ihrer eigenen Leute besonders wirkungsvoll ins Licht. Was der Klimawandel zu dem Schlamassel beisteuert, ist dies: Er gießt Öl ins Feuer. Die Not, die aus immer längeren, immer häufigeren und immer extremeren Dürreperioden erwächst, schafft keinen Konflikt, wo vorher keiner war. Sie verschärft ihn. Die Gewalt nimmt zu. Die Zahl der Toten auch.Dass ein Klimakrieg nicht einsetzt, sondern sich einschleicht, lässt sich auch anderswo beobachten. Die Turbanträger in Afghanistan und ihre Kollegen im Iran waren sich noch nie besonders grün. Dass das Regime in Teheran zumindest rhetorisch auf die Taliban eindrischt und mit Eskalation droht, ist kein Jahrhundertereignis. Dass die im Gegenzug mit ihren Gewehren herumwedeln, auch nicht.Aber auch im Iran und in Afghanistan hat die Dürre die Lage drastisch verschärft. In Teilen beider Länder ist der Helmand-Fluss die Ader, die das Leben der Menschen überhaupt erst ermöglicht – und den lukrativen Opium-Anbau übrigens auch. Weil die Herrscher in Afghanistan mit Dämmen den Wasserstand kontrollieren, während die Natur ihn eigentlich reduziert, kommt vom ehemals mächtigen Fluss immer weniger bei den Iranern an. Dem Schlagabtausch mit Worten folgte einer mit Waffen, wie meine Kollegin Sonja Eichert berichtet. Aus dem Scharmützel wird jetzt kein Krieg erwachsen, beide Seiten rudern bereits zurück. Aber die Temperatur steigt. Denn anders als eine rein politische Krise ist die des Klimas so schnell nicht aufzuhalten.Es hat lange gedauert, bis wir die Veränderung der Welt bemerkt haben, die das beständige Herauspusten des unsichtbaren Kohlendioxids in Gang gesetzt hat. Inzwischen ist die Klimakrise nicht mehr zu übersehen, und zumindest über ihre Existenz herrscht Konsens. Aber nicht nur die weltweite Erwärmung, sondern auch ihre Folgeerscheinungen haben sich das Mäntelchen der Unsichtbarkeit umgehängt. Bis zum ersten großen Klimakrieg wird es wohl noch dauern. Aber die ersten Kämpfe haben begonnen – wenn man nicht weiß, worauf man achten muss, könnte man das glatt übersehen. Und fälschlicherweise meinen, wir hätten für den entschlossenen Klimaschutz noch Zeit. Die haben wir nicht. Keine Sekunde.